Heimatbesuch - Clash of Cultures?

In den letzten Wochen war bei den Rabatzkis der Teufel los! Das Vorbereiten auf die Verteidigung der Masterarbeit hat jede meiner klein-Rabatzik-freien Minuten beansprucht. Nach dem erfolgreichen Bestehen(Einschub: dupdidupdiduuuuuu!!!!!) ging es auch direkt in den Heimaturlaub in den Süden dieses Landes hier. Davon möchte ich euch heute erzählen. Und davon, warum meine geliebte Heimat in mir das Gefühl hervorruft rebellieren zu müssen. Zwanghaft quasi.

Ich bin durch und durch ein Dorfkind: In einer süddeutschen Kleinstadt im städtischen Krankenhaus geboren, in einer noch kleineren Kleinstadt aufgewachsen, in den Kindergarten und die Grundschule gegangen, dann wieder in der größeren Kleinstadt das Gymnasium besucht, der Pubertät und dann der Liebe begegnet, Abitur gemacht. Und dann ausgerissen. Das pastorale meiner Kindheit und Jugend hinter mir gelassen und die "wahre" Welt kennenlernen wollen. Das war mein Ziel und irgendwie ist es das noch immer, nur nicht mehr ganz so verträumt wie damals. Desillusionierung und groß-Werden sind an mir nicht nur vorbeigezogen, sie haben auch ein paar Spuren hinterlassen. Doch das Vertrauen an die Schönheit und Wundervollsamkeit dieser Welt und ihrer Menschen, das blieb immer (meistens) stärker als alles Blöde. Weltbürgerin wollte ich, das Dorfkind, also sein und nix wie raus. Über Umwege landete ich schließlich in Berlin wo ich nun seit fast sieben Jahren verweile.

 

Die Besuche in der Heimat sind immer heiß ersehnt und voller Vorfreude. Seit mein kleiner Rabatzki unter uns ist, sind es immer auch Besuche bei Oma und Opa, bei Onkel und Tante, Uroma und Uropa. Kaum angekommen geht das Familienprogramm auch los und es ist schön und es ist anstrengend. Ich merke dann, dass in mir noch immer diese bestimmte Dorfkind-Rebellions-Lust steckt und ich trotz der Sehnsucht nach zuhause anders lebe und anders bin. Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich auf eine andere Welt stoße, die mir einerseits so vertraut ist und andererseits so fremd geworden ist. Ich und alle Kinder meiner riesigen Familie sind in diesem großen Familienverband groß geworden. Wir alle waren ständig von vielen Menschen umgeben und wurden von der ganzen Familie zusammen groß gezogen. In Erziehungsfragen herrschte dabei größtenteils Konsens. Das war praktisch und schön zugleich. Doch ich merke auch, dass die ganze Sache mit meinem Kleenen eben anders ist. Er braucht erstmal zwei Tage bis er sich an alle gewöhnt hat. Er klebt dann zunächst schüchtern an Mama und Papa bis er auftaut und wir uns auch einfach mal zurücklehnen können und zuschauen wie er mit den Großeltern und anderen Verwandten spielt. Ach, wie ich das genieße! 

 

Die andere Seite ist aber auch, dass solche engen Familiensysteme, wie meines, oftmals so verfestigt sind, dass es schwierig ist nicht auf Konfrontationen zu stoßen: "Also, unsere beiden, die haben da schon längst durchgeschlafen" oder "Oh, an die vielen Leute sollte er sich aber gewöhnen" oder "Mmmhh, er isst aber nicht gerade viel" oder "Ach, du stillst ja noch?" oder "Nein, nein, du brauchst jetzt gar nicht weinen. Sei mal lieb!". Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Im Gegensatz zum Großteil der Rabatzkiverwandschaft haben wir in der Ferne eben unser ganz eigenes Familienleben, das nicht auf den Tipps und Tricks der Familie aufgebaut ist. Wir machen viele Dinge anders. Klein Rabatzki kennt mein Kindheitsleben nicht und es ist für ihn fremd. Er wächst beispielsweise mit viel weniger Regeln auf - und das obwohl ich recht freiheitlich groß geworden bin. Er darf sein Essen mit den Fingern zermatschen, alles hin- und herräumen und "nicht-lieb" sein. Ich muss zugeben, dass ich den Ausdruck "lieb-sein" sogar ziemlich verabscheue und wenn dann jemand zu klein Rabatzki sagt er sei ja so "lieb gewesen", dann kann ich mich einfach nicht zurückhalten und muss sagen, dass er immer lieb sei, nur manchmal halt unzufrieden. Ich finde das auch wirklich. Das Gegenteil wäre ja, dass er böse ist und das ist er nun mal ganz und gar nicht. Und das ist kein Kind. Ein Kind reagiert immer auf die Umstände. Dazu gehört auch Unzufriedenheit, Motzen und Schimpfen. Ich denke mir dann oft, dass das größte Ziel für ein Kind und seine Eltern im "lieb-Sein" erwartet wird und das gefällt mir gar nicht. Ich freue mich sogar, wenn der kleine Hosenscheißer protestiert weil ihm etwas nicht passt. Ich empfinde das als Selbstbewusstsein. Ja, anstrengend ist das auch, zugegeben. Letztendlich ist es aber auch Selbständigkeit, die mir mein Kind da entgegenbringt und es ist liegt mir fern ihm dann zu sagen, dass er "lieb sein" soll. Ich bin da wohl Prinzipienreiterin.

 

Ich liebe meine Heimat und ich spreche den Dialekt sobald ich den süddeutschen Boden betrete. Ich stelle aber auch immer wieder fest, dass mich die Eingespieltheit und die überwiegenden Vorstellungen von "Normalität" überwältigen. Wenn im Schreibwarengeschäft eine (ehemalige) Nachbarin noch während sie auf uns zukommt ihre Arme ausstreckt um mein Baby zu greifen, das sich dann an mir festkrallt weil die Frau unbekannt ist und ich ihn in Berlin niemals "irgendwem" einfach in die Hand drücken würde, oder Tragehilfen nicht existent zu sein scheinen und selten Väter unter der Woche mit ihren Kindern zu sehen sind - dann fühle ich mich fremd. Tatsächlich fremd. Ich weiß aber auch, dass wir in Berlin vielleicht in einer riesigen Blase leben, in der Vielfalt einfach möglich ist, und dass unsere Realität in meiner Heimat im Süden ebenso fremd erscheint. Ein Zusammenstoß der Kulturen, wenn man so will.

 

Nun sind wir wieder zurück in Berlin und was tue ich? Ich vermisse seit dem Kofferpacken meine Familie und meine Heimat. Meine Kindheit in dieser verrückten und zugleich irgendwie normierten Familie hat tiefe Spuren und wunderbare Erinnerungen hinterlassen. Aus der Ferne sind diese immer am stärksten. Ob ich wohl einmal zurückkehren werde und dort meinen Jugendtraum einer Weltbürgerin lebe? Das Leben ist voller Überraschungen und ich reite weiter diese Welle, bis irgendwann die Brandung kommt - sprich: Ick weeß et nüscht.

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Kommentare: 2
  • #1

    Julia (Samstag, 25 Mai 2013 11:33)

    Liebes Fräulein Rabatzki,
    ich bin gerade ganz glücklich, dass ich auf deinen Blog gestoßen bin - ich hatte ihn vor einiger Zeit schon gefunden, aber leider irgendwie wieder "verloren" und jetzt gleich mal in die Leseleiste gepackt, damit das nicht wieder passiert! :-)
    ICh mag deinen Schreibstil sehr gerne und kann so vieles, das du sagst, unterstreichen.
    Gerade diese Mischung aus Heimatsehnsucht und -flucht, sobald man dann wieder daheim ist, kann ich gut nachvollziehen. Bei uns geht es noch ganz gut, da Paul erst 3 Monate alt ist und noch nicht fremdelt - aber wie das dann in Zukunft mit der Großfamilie und zig Verwandten, die ihn sehen wollen, laufen wird, darauf bin ich auch schon gespannt...

    Hast du denn deine Verteidigung schon hinter dich gebracht?
    Wenn nicht, wünsche ich dir alles Gute und viel Glück!

    Herzlichst
    Julia

  • #2

    Nina (Dienstag, 27 August 2013 18:41)

    Hey Hey liebes Fräulein Rabatzki!
    Schade, deine Blog-Zeit scheint vorbei zu sein... wünsche dir und Euch alles Gute mit "womit auch immer" Ihr Rabatzkis Euch nun beschäftigt! Ich habe deinen Blog immer sehr sehr erfrischend gefunden und heiß geliebt :-)

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Kommentare: 6
  • #6

    Melanie (Samstag, 07 November 2015 18:39)

    Ich möchte neues von Fräulein Rabatzki lesen! Bittö!

  • #5

    kevinundbabs (Freitag, 08 Februar 2013 13:37)

    Toller Blog. Du sprichst mir aus der Seele. Du findest genau die richtigen Worte. Ich besitze leider noch nicht das Selbstbewusstsein meine Meinung so offen kund zu tun... Aber für das Wohl meines Babies muss ich diese Lektion wohl noch lernen oder einfach nur brav nicken und gehen...aber auch das kann ich nicht.

  • #4

    Themama (Dienstag, 06 November 2012 16:09)

    Ein Lob an Fräulein Rabatzki. Mir gefällt dein Blog.

    Liebe Grüsse
    Themama

  • #3

    fraeulein-rabatzki (Mittwoch, 17 Oktober 2012)

    Ein neuer Beitrag zum Überleben bei unfreiwilliger Nachtaktivität! Daumen für heute Nacht bitte gedrückt halten.

  • #2

    Franky (Dienstag, 16 Oktober 2012 21:32)

    Überraschend neue Seite ( an Fr. Rabatzki UND im Internet ). Freue mich auf schöne, witzige und rührende Geschichten aus deinem/eurem Leben und freue mich daran teilhaben zu können. Liebe Grüße, Franky

  • #1

    benni (Dienstag, 16 Oktober 2012 21:32)

    hallo :D

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