Vermag ein Kinderbuch einen Bürgerkrieg auszulösen? Wenn wir von einem nicht-normativen Kinderbuch sprechen: fast!

Am 26.12.12 erschien in der taz ein Interview mit der Autorin Tanja Abou und dem Verleger Ben Böttger. Es ging um das Kinderbuch "Unsa Haus" das Geschichten von einem kleinen Jungen, der sich ein rosa Kleid wünscht und einem Mädchen das LKW-Fahrerin werden möchte erzählt. Es gibt auch eine Regenbogenfamilie in der Geschichte. Wie schön, dachte ich mir und freute mich schon, bis ich es einfach nicht lassen konnte auf die Leserkommentare zu klicken. Ich sag euch, da war die Hölle los!

In den Kommentaren wurde nach dem Realitätsanspruch der Geschichten gefragt und geschrieben, dass es unverständlich wäre, was so etwas überhaupt solle. Sind die Geschichten in "Lauras Stern" oder "Bob der Baumeister" etwa Spiegel der Realität? Und schlimmer noch, fragt irgendwer bei diesen, als normativ geltenden Kinderbüchern überhaupt danach? 

 

Realität ist es allerdings, obwohl sie regelrecht feindselig angefochten wird, dass es die Kinder und ihre Familien in "Unsa Haus" auch tatsächlich in unserer Gesellschaft zu finden gibt. Und es gilt, sie sichtbar zu machen! Meiner Meinung nach leistet "Unsa Haus" genau das. Es gibt den Kindern, die in unserer Gesellschaft als "Minderheiten" leben und die als "nicht normal" betrachtet werden eine Stimme. Und da "Normalität" ja so wichtig zu sein scheint, rücken diese Kinder durch genau solche Bücher ein Stückchen näher an diese heran. Oder noch besser: Vielleicht könnte "Normalität" keine Rolle mehr spielen?

 

Ich muss hier einfach einen Leserkommentar zitieren, der mich in seiner geradezu gewaltvollen Ausdrucksweise besonders schockiert hat:

 

"Wozu soll das alles gut sein? Ich verstehe das nicht. Was um Gottes Willen ist denn schlecht daran, wenn die meisten Mädchen lieber mit Pupppen spielen und die Jungs lieber Bagger fahren? [...] Von mir aus können ein paar Gender-Schwachmaten ihren Kindern den Pimmel abschneiden und beim Mädel wieder drantackern [...]."

 

Genau. Sprachlosigkeit. Und dann brodelt nahezu ungehaltene Wut in mir auf. Was zum Teufel ist da los!? Und: Der meint das ernst! Wozu das gut sein soll? Dazu, dass Menschen zukünftig Akzeptanz finden - und hier muss man fast schon von Daseins-Berechtigung sprechen - auch wenn sie eben nicht den gängigen Geschlechterstereotypen entsprechen oder nicht Mama und Papa sondern Mama und Mama oder Papa und Papa haben. An dem Leserkommentar eines Thomas Sch. (so nennt er sich) wird aber auch deutlich, dass das Anliegen der "Gender-Schwachmaten" in keinster Weise verstanden wurde und dass es wohl sogar Angst macht! Viele Menschen haben anscheinend Angst, man nehme ihnen "ihre Geschlechter" weg. Unser binäres System von Geschlechtlichkeit sorgt vermeintlich für Orientierung und Sicherheit. Steht dieses auf wackeligen Beinen, scheinen manche völlig die Fassung zu verlieren. Ich erinnere mich da an ein Gespräch mit einem jungen Mann vor ein paar Jahren, in dem es darum ging, dass es in vielerlei Hinsicht ein Problem ist, dass Frauen und Männer unterschiedlich kategorisiert würden. Mit hitzigem Kopf platzte es irgendwann genervt aus ihm heraus: "Aber ich lasse mir doch meine Männlichkeit nicht nehmen!" Wo wir wieder beim eigentlichen Problem wären - niemand will hier irgendwem den Pimmel abschneiden und an einen anderen Körper wieder drantackern. Es geht darum die Grenzen, dessen was im Rahmen unserer Kultur- und Sozialgeschichte als weiblich oder männlich etabliert wurde überwinden zu können, damit eben niemand sich mehr verunsichert fühlen muss, wenn das Gegenüber einmal nicht mehr eindeutig in weiblich oder männlich eingeschubladet werden kann. Und warum? Weil es doch wirklich keine Rolle spielen sollte. 

 

Liebes Universum, heute wünsche ich mir, dass irgendwann mal nicht mehr Bürgerkrieg droht, wenn ein Kinderbuch Geschichten erzählt in denen mit den Geschlechterstereotypen unserer Gesellschaft nicht-konform umgegangen wird, dass Prinzessin Lillifee mit ihrem Zauberstab selbstverständlich für die Freundin, die einmal LKW-Fahrerin werden möchte einen LKW herbeizaubert, obwohl sie selbst das rosa Klitzerkleidchen bevorzugt und lieber Barbie spielt. Dass Bob weiterhin ein Baumeister sein darf und dass es auch in Ordnung ist, wenn er privat seine Nägel gerne pflegt und sich beim Sado-Maso lieber unterwirft.

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Kommentare: 4
  • #1

    Efeuelfenmama (Donnerstag, 10 Januar 2013 20:07)

    Ja Hassreden sind schnell gehalten... Es macht einen wirklich sprachlos, wenn man auf solche Aussagen wie in dem zitierten Kommentar trifft.
    Zum 1. Geburtstag haben wir ein Bilderbuch bekommen, es fängt harmlos an mit dem Hund, der wuff und der Ente, die quak macht; Weiter hinten jedoch macht Mama küsschenküsschen und Papa schschscht!
    Also nicht nur Feen, Baumeister oder sonst was für Protagonisten, auch Mama und Papa sollen doch bitteschön recht rollenkonform sein.
    Aua!, macht da Elfes Mama, und vergräbt das Buch ganz tief...

  • #2

    Centrifugal Juicer (Mittwoch, 10 April 2013 11:37)

    This informative article was in fact just what I was searching for!

  • #3

    Ben (Freitag, 19 April 2013 22:44)

    Hallo Fraeulein Rabatzki,
    danke für diesen tollen Beitrag! Ich habe ihn gerade erst zufällig entdeckt und freue mich, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, nochmal gründlich darzulegen, dass es nicht darum geht, jemandem etwas weg zu nehmen. Ich finde, Du hast das alles super erklärt und werd das mal auf der Facebook-Seite des Verlags verlinken. Ich hoffe, das ist Dir recht.
    Alles Gute für Dich und Deine Familie!
    Ben

  • #4

    Juicer Reviews (Sonntag, 21 April 2013)

    This article was in fact precisely what I was in search of!

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Kommentare: 6
  • #6

    Melanie (Samstag, 07 November 2015 18:39)

    Ich möchte neues von Fräulein Rabatzki lesen! Bittö!

  • #5

    kevinundbabs (Freitag, 08 Februar 2013 13:37)

    Toller Blog. Du sprichst mir aus der Seele. Du findest genau die richtigen Worte. Ich besitze leider noch nicht das Selbstbewusstsein meine Meinung so offen kund zu tun... Aber für das Wohl meines Babies muss ich diese Lektion wohl noch lernen oder einfach nur brav nicken und gehen...aber auch das kann ich nicht.

  • #4

    Themama (Dienstag, 06 November 2012 16:09)

    Ein Lob an Fräulein Rabatzki. Mir gefällt dein Blog.

    Liebe Grüsse
    Themama

  • #3

    fraeulein-rabatzki (Mittwoch, 17 Oktober 2012)

    Ein neuer Beitrag zum Überleben bei unfreiwilliger Nachtaktivität! Daumen für heute Nacht bitte gedrückt halten.

  • #2

    Franky (Dienstag, 16 Oktober 2012 21:32)

    Überraschend neue Seite ( an Fr. Rabatzki UND im Internet ). Freue mich auf schöne, witzige und rührende Geschichten aus deinem/eurem Leben und freue mich daran teilhaben zu können. Liebe Grüße, Franky

  • #1

    benni (Dienstag, 16 Oktober 2012 21:32)

    hallo :D

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